Interview mit Dr. Marius Grathwohl

Dr. Marius Grathwohl ist Vice President Digital Products and Transformation bei der MULTIVAC Gruppe. Er ist dort seit über sechs Jahren beschäftigt und leitet ein agiles Team von mittlerweile 30 Mitarbeitern. Gemeinsam mit seiner Abteilung hat er bereits Maschinen im dreistelligen Bereich ans Netz genommen und ist verantwortlich für die Themen Cyber Security und Smart Services Architecture. In seiner Freizeit bereist Marius verschiedene Länder und Kulturen. Er ist ein politischer Mensch und diskutiert gerne über vielfältige Themen.

Flora: Du bist viel im Studium gereist. Was hat Dich zum Reisen bewogen?
Marius
: Ich habe in Neufundland ein Auslandssemester gemacht. Mich hat es aufs Land gezogen. Ich wollte bewusst Einsamkeit erleben. Und das hat sich unheimlich gut angefühlt. Danach habe ich ganz bewusst China gewählt: Ich wollte die nicht-westliche Welt kennenlernen. Mein Ziel war es, China als aufstrebende Weltmacht kennenzulernen und zu erkunden. Das war die Initialzündung und seitdem habe ich den ungebrochenen Drang die Welt zu erkunden. Mittlerweile habe ich über 65 Länder bereist.

Flora: Wie ging es dir mit der chinesischen Kultur und Arbeitsweise?
Marius
: Ich habe im 30. Stock in einer WG gewohnt. Nachts haben die Werbetafeln der U-Bahn bunt und grell durch die Fenster geleuchtet. Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl: Ich bin am Puls der Zeit! In China ist keiner satt, jeder verfolgt sein Ziel und möchte etwas vom Kuchen der Welt abhaben.

Flora: Was kann Europa von China momentan lernen?
Marius
: Das man sich nicht zu schade sein sollte, eigene Interessen zu verfolgen. China verfolgt seine Ziele sehr konsequent.

Flora: Ist China agil?
Marius
: Sehr spannend, Du hast meinen Blog gelesen (lacht: https://www.mariusgrathwohl.de/). Der Chinese kann sehr gut auf sich verändernde Situationen reagieren. Siehe Corona: Verdammt nochmal sind die agil! Dort wurden innerhalb kürzester Zeit Krankenhauskapazitäten geschaffen. Die Chinesen können sehr schnell reagieren aber auch gestalten.

Flora: Wie bist Du zu MULTIVAC gekommen?
Marius:
 Für mich war das die Chance, wieder heimzukommen. Ich bin gebürtiger Ulmer. In der Zwischenzeit war ich 10 Jahre unterwegs.

Flora: Was genau machst Du bei MULTIVAC?
Marius:
 Ich baue den Geschäftsbereich Digital Products and Transformation kontinuierlich weiter aus. Mittlerweile sind es 30 Mitarbeiter. Wir haben eine 3-stellige Anzahl von Maschinen am Netz. Und dabei arbeiten wir im Grunde genommen wie ein eigenes Start-Up im Unternehmen. Am Anfang war es eine Herausforderung, die Prozesse aufzusetzen und erste digitale Lösungen zu entwickeln, mittlerweile ernten wir erste Früchte unserer Arbeit. Die Maschinendaten sind nun in mehrere Richtungen auswertbar. Unser Geschäftsbereich bei MULTIVAC bietet einen Mehrwert für unsere Kunden. Aber auch für MULTIVAC intern für andere Kompetenzbereiche. 

Flora: Vor welchen Herausforderungen stehst Du momentan?
Marius
: Wie wir intern im Unternehmen wirken. Wir benötigen Kompetenzen aus den einzelnen Fachbereichen. Das sind andere und zusätzliche Herausforderungen, als „nur“ Maschinen online zu nehmen. Es geht darum, dass wir uns stärker ins eigene Unternehmen hinein integrieren.

Flora: Kommen wir zum Thema Digitalisierung. Kann man auch bestehende, alte Maschinen digitalisieren?
Marius:
 Ja, wir sind retrofit-fähig. Bis 8–10 Jahre alte Maschinen können wir noch online nehmen. Insgesamt ist das softwareabhängig. Es macht wenig Sinn, 30 Jahre alte Maschinen online zu nehmen, da sie bspw. andere Sensoren verbaut haben.

Flora: Warum entscheiden sich Kunden für eine digitale Maschine von MULTIVAC, anstatt zu einer vom Wettbewerb?
Marius:
 Interessanter ist die Frage: Warum sollte ein Kunde überhaupt eine konnektive Lösung kaufen? Wir haben uns der Digitalisierung früh angenommen. Und unsere Architektur hat dadurch eine Schlagkraft entwickelt. Wir sind sehr stark und haben in diesem Bereich einen Innovationsvorsprung. Unklar ist immer: Wie lange hält dieser? Aber aus momentaner Sicht denke ich, sind wir dem Wettbewerb 1–2 Jahre definitiv voraus.

Flora: Wo sind die Vorteile für den Kunden?
Marius:
 Wenn man Maschinen konnektiert, kann man mit seinem Kunden besprechen, was ihn in seinem Alltag bewegt. Man sieht, wie die Maschine funktioniert. Man sieht, welche Fehler diese Maschine erzeugt. OEE Auswertungen kann ein Kunde von uns dann bekommen, ohne großartige Softwareinvestitionen für einen externen Dienstleister auszugeben. Unsere Kunden haben die Möglichkeit, die Maschine zu einer besseren Leistung zu trimmen. Auf Basis der digitalen Maschinendaten können wir mit dem Kunden gemeinsam erarbeiten, wie er etwa Stillstandszeiten reduzieren kann. Momentan arbeiten wir an dem Thema Anomalieerkennung. Wir gucken, dass wir Unregelmäßigkeiten bei Maschinenkomponenten frühzeitig erkennen.

Flora: Früher konnte sich die Nachschicht ja im Vergleich dazu noch ausruhen. Jetzt wird sie von euch digital getrackt?
Marius:
 Ja, das ist ein sehr wichtiger Punkt! Wir stellen fest: Digitalisierung bringt Transparenz. Transparenz ist etwas, das nicht für alle Mitarbeiter von Interesse ist. 

Flora: Wie steht es um das Thema Angst vor der Digitalisierung. Angst um Arbeitsplätze. Wie begegnet Ihr diesem Thema?
Marius
: Das sehen wir nicht so. Ich glaube, das Gegenteil ist der Fall. Wir sollten uns viel mehr Gedanken machen, wie wir noch viel schneller automatisieren können, damit wir unsere Arbeitskraft für sinnvollere Tätigkeiten einsetzen können. Alles was wir an Tätigkeiten automatisieren können um Zeit zu sparen, hilft uns, wirtschaftlichen Fortschritt zu generieren. Fortschritt für einzelne Unternehmen, aber auch als Volkswirtschaft. Digitalisierung schafft Jobs in Deutschland. Digitalisierung hilft, dass unsere Kunden die Maschinen leichter bedienen können und einfacher ohne Unterstützung durch Dritte zurechtkommen.

Flora: Wie steht es mit der Veränderungsbereitschaft und Offenheit gegenüber der Digitalisierung aller Mitarbeiter?
Marius
: Wir holen jeden intern dort ab, wo er steht. Ohne Druck. Als die erste Coronawelle kam, wussten einige Mitarbeiter auch nach einem halben Jahr noch nicht, wie man seinen Bildschirm in Online-Meetings teilt. Das gibt es und damit – auch wenn schwierig nachvollziehbar – muss gerechnet werden.

Flora: Was sind die 5 Hot Topics zum Thema Digitalisierung?
Marius:

1. Mega Trend Konnektivität

2. KI (künstliche Intelligenz): Algorithmen entwickeln, die Anomalien wahrnehmen und die Maschine rekonfigurieren können; Selbstlernende Algorithmen

3. Plattformen

4. Retrofit-Fähigkeit (Bestandsmaschinen)

5. Digitaler Zwilling. PLM 2.0 (Product Lifecycle Management) – cyberphysische Maschinen, möglichst realitätstreu.

Flora: Welchen Tipp hast Du für Unternehmen, die überlegen, ihre Maschinen zu digitalisieren?
Marius:
 „Nehmen Sie die Maschine einfach mal online; probieren Sie es aus“. Ich könnte auch Folien zeigen oder Demos, das ist alles schön und gut, bringt einem Interessenten aber nichts. Wir sind jetzt so weit, dass wir automatische Mailings versenden, sobald eine Maschine konnektiert wurde. Es gibt automatische Log-Ins und viele Benefits mehr. Das ist eine Erfahrung, die Kunden einfach live machen müssen. Quasi „Stecker drin“ – und ich werde automatisch benachrichtigt. 

Frage: Thema Cyberkriminalität – wie geht MULTIVAC mit diesem sensiblen Thema um?
Marius:
 Security ist für mich eine Rahmenbedingung und kein Feature. Wir führen regelmäßig Sicherheitsaudits durch. Wir gehen diese Themen systematisch an. Unterschiedliche Kunden haben unterschiedliche Sicherheitsanforderungen. Je größer der Kunde, desto komplexer ist meist das Thema. Teilweise widerspricht Sicherheit aber auch der Funktionalität. Je mehr Sicherheit ich haben möchte, desto weniger Funktionalität und Komfort kann ich genießen. Diesen Zusammenhang gibt es auch. Ich glaube trotzdem, dass wir dieses Thema moderieren müssen. Dass wir auf der einen Seite weiterhin neue Features entwickeln müssen und das Ganze unter der Sicherheitserwartung unserer Kunden hinkriegen. Es kostet nur mehr Zeit und mehr Kapazität! Sicherheit gibt es nicht umsonst.

Flora: Wie passen Digitalisierung und Nachhaltigkeit zusammen?
Marius:
 Digitalisierung ist ein Befähiger für Nachhaltigkeit. Die Energiewende wird nur über die Elektro-Mobilität mit automatischer Regelung (z.B. über Strompuffer) erreicht werden. Der CO2-Footprint wird dadurch digital messbar und steuerbar werden. Im Bereich Maschinenbau ist schon heute der Verbrauch von Verpackungsmaterialien (und Stromverbrauch, Druckluftverbrauch etc.) messbar. So kann der Kunde seinen Verbrauch digital monitoren. Wir möchten auch das Thema Recyclingfähigkeit messbar machen. Verpackungsmaterialien sollen im Prozess bis hin zur Entsorgung identifizierbar werden. Die Idee ist ein digitaler Produktpass R-Cycle. MULTIVAC ist der unternehmensübergreifenden Initiative R-Cycle 2021 beigetreten. Ziel ist es, gemeinsam die Kreislaufwirtschaft für Kunststoffverpackungen auf Basis eines offenen und weltweit anwendbaren Tracing-Standards voranzutreiben. Es könnten Kunststoff-Folien z. B. über ein digitales Wasserzeichen scanbar gemacht werden. Darin ist dann die Information enthalten, woraus das Material besteht. Dann wird klar, wie das Material recycelt wird und in den richtigen Wertstrom gelangt.

Flora: Wie würde das in der Praxis aussehen?
Marius:
 Du hast ein Produkt, das verpackt wurde, z. B. in einer Tiefziehverpackung. Diese besteht aus einer Ober- und Unterfolie. Der Folienhersteller bringt auf den Folienkern (RFID) oder auf die Folie (dig. Wasserzeichen) ein Merkmal auf. Das wird dann in der Maschine ausgelesen. So wissen wir, welches Material an welcher Stelle verwendet wurde. Und wir geben dann im Abpackprozess eine neue Idee hinzu: Was wird genau verpackt. Wir würden also etwas zum Datensatz hinzuschreiben. Und in dem Zug einen neuen Identifikator hinzufügen: einen neuen QR Code mit zusätzlicher Information. Dann kann später bei der Verwertung ausgelesen werden, welches Material an welcher Stelle verwendet wurde und welches Produkt verpackt wurde. Damit die Kette gut funktioniert, werden an mehreren Stellen Informationen angebracht. Angenommen der QR Code ist nicht mehr da. Siehst Du noch das Wasserzeichen, usw. Es kann für jeden Produktionsschritt eine aktuelle Info hinzugefügt werden. Eine präzise Sortierung und Transparenz hinsichtlich der genauen Zusammensetzung der Verpackungen (Kunststoffsorten, Druckfarben, Kleber, Additive, etc.) sind der Schlüssel zur Gewinnung von hochwertigem Rezyklat für ein hochwertiges Recycling.

Flora: Welche offenen Punkte sind im R-Cycle Projekt noch zu klären?
Marius:
 Es gibt noch eine Menge Fragen, die nicht geklärt sind. Z.B. wie der QR Code auf Folie aufgebracht wird, ohne dass er im Recyclingprozess abgewaschen wird. Ansätze hierbei sind momentan mehrere Stellen zu bedrucken oder per Direktdruck / Laser. Es gibt keine schnelle Lösung von heute auf morgen. Aber wichtig ist, dass wir solche Konzepte erproben. Und diese gemeinsam mit anderen Herstellern (Stichwort Plattformgedanke) in eine Feststellung bringen.

Flora: Herzlichen Dank für das Interview.
Das Interview führte Flora Fliegner, Geschäftsführerin der pack3 GmbH

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Interview mit Dr. Marie Woost